Ist es richtig, dass die heutigen Prediger mit Geschichtenerzählern (al-Qaṣṣās) verglichen werden dürfen?

Frage:

Ist es richtig, dass die heutigen Prediger mit Geschichtenerzählern (al-Qaṣṣās) verglichen werden dürfen?

 

 

Antwort:

Bārak Allāhu fīk. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erst einmal definieren, wer die Geschichtenerzähler (al-Qaṣṣās) sind und wie man zu dieser Bezeichnung kommt.

Auf der Seite vom ehrenwerten Gelehrten Scheich Sāliḥ al-Munajjid wird auf diese Frage eingegangen. Die Frage wird unter der Nummer 73003 geführt und ist leider noch nicht ins Deutsche übertragen worden.

In dieser Fatwa wird unter anderem erläutert, wo das Wort Qāṣ herkommt und welchen Stellenwert es im Islam hat. Das Wort Qaṣṣas steht für Geschichten und al-Qaṣṣāṣ für Geschichtenerzähler.

Geschichten erzählen und Ermahnungen geben sind grundsätzlich gelobt und werden sogar befürwortet. Dies wird im edlen Qurʾān in folgenden Worten bekräftigt:

ۚ فَاقْصُصِ الْقَصَصَ لَعَلَّهُمْ يَتَفَكَّرُونَ

“Berichte die Geschichte, auf dass sie nachdenken mögen.” (3:176)

Ferner in den Worten:

وَعِظْهُمْ وَقُل لَّهُمْ فِي أَنفُسِهِمْ قَوْلًا بَلِيغًا

“ermahne sie und sag zu ihnen über sie selbst eindringliche Worte.” (4:63)

Ferner in den Worten:

وَذَكِّرْ فَإِنَّ الذِّكْرَىٰ تَنفَعُ الْمُؤْمِنِينَ

“Und ermahne, denn die Ermahnung nützt den Gläubigen.” (51:55)

Wir sehen also, dass eine grundsätzliche Ermahnung oder Erzählung von Geschichten seinen Ursprung im Qurʾān wiederfindet.

Weiter in der Fatwa bezüglich der oben erwähnten Verse heißt es:

“… so, wie der Prophet ﷺ es pflegte die Menschen ausgiebig zu erinnern und zu ermahnen und ihnen Geschichten erzählte von den früheren Völkern, worin sich Lehren und Ermahnungen befanden.”

Im Ausspruch von al-ʿIrbād bin Sāriyah (Möge Allāh mit ihm zufrieden sein) der sagte: “Einst ermahnte uns der Gesandte Allāhs ﷺ mit ausgiebiger Ermahnung, bis die Augen feucht wurden und die Herzen begannen zu beben.” (At-Tirmīdh, 2676; saḥīḥ nach al-Albānī)

Ebenfalls pflegten es die Gefährten die Leute mit Ermahnungen und Geschichten zu erinnern. Das ist die Sunnah und das ist der ganz normale Weg der rechtschaffenen Altvordern, der Salaf aṣ-Ṣāliḥ.

Imām Aḥmad (Möge Allāh mit ihm zufrieden sein) sagte:

“Wenn der Geschichtenerzähler (Qāṣ) wahrhaftig ist, so sehe ich nichts Verwerfliches daran, wenn man seiner Sitzung beiwohnt.”

Es wurde Al-ʾAuzāʿī über Leute befragt, die sich versammelten und dann einem Mann befahlen ihnen Geschichten zu erzählen, so sagte er: “Wenn das alle Tage wieder passiert, dann ist daran nichts auszusetzen.”

Und al-Chilāl überliefert von Abū Bakr al-Marūdi, der sagte: “Ich hörte Aḥmad ibn Ḥanbal sagen: ‘Mir gefällt die Angelegenheit der Geschichtenerzähler (al-Qaṣṣāṣ), weil sie einen erinnern an die Waage und der Strafe des Grabes’ da sagte ich zu ihm: ‘Soll man zu ihnen hingehen?’ (Er sagte:) ‘Beim Leben ja, wenn er ein Wahrhaftiger ist!”

Ein Mann kam zum Imām Aḥmad und beschwerte sich über die Einflüsterungen (Waswasa), da sagte er zu ihm: “Geh zum Geschichtenerzähler (Qāṣ), wie nützlich sind doch ihre Sitzungen.”

Und es gibt unzählige weitere Beispiele für die Wichtigkeit derjenigen, die andere Menschen mit Kurzgeschichten oder kurzen Ermahnungen zur Wahrheit ermahnen und animieren mehr für den Islam zu tun. Heutzutage kann so etwas durch prägnante Kurzvideos oder Audios geschehen, sofern sich darin ein Nutzen für die Muslime befindet.

So, wie wir aus den erwähnten Beispielen der Früheren lernen, ist es gut zu einem Geschichtenerzähler zu gehen, sofern er dafür bekannt ist die Wahrheit zu sagen.

Gleichzeitig ist es absolut schlecht zu einen Geschichtenerzähler hinzugehen, wenn man weiß, dass dieser nicht die Wahrheit spricht und seine Ermahnungen kein Fundament im Islam haben.

Auf dem Weg des Aufrufens zu Allāh gibt es verschiedene Wissensstufen, sodass jemand mit wenig Wissen ein Aufrufer zu Allāh sein kann, jemand mit mittlerem Wissen und ebenfalls jemand mit viel Wissen. Die Verbreitung des Wissens erfolgt gemäß dem Ausspruch des edlen Gesandten Allāhs ﷺ, da er sagte: “‚Überliefert von mir, selbst wenn es nur ein Vers ist.’“ (Buchārī, Nr. 3461)

Scheich al-ʿUthaymīn (raḥimahullāh) definierte dieses Thema so, dass sobald jemand in einer bestimmten Angelegenheit fundiertes Wissen hat, dieser in genau dieser Angelegenheit als Wissender gilt.

Wenn sich also jemand spezialisiert hat Geschichten und Ermahnungen an die Menschen zu tragen, so betrachten wir dies eher als eine lobenswerte Tat und wir bitten Allāh den Erhabenen diese Bestrebungen reichlich zu belohnen.

Hinweis:

Es gebührt sich für Schüler des Wissens nicht, dass sie nur jene Aussagen von den Salaf aṣ-Ṣāliḥ herauspicken, die den eigenen Standpunkt untermauern, um daran dann die Methodik der Salaf zu messen, trotz der etlichen anderen Berichte, die dem eigenen Standpunkt widersprechen.

Eine Sache muss detailliert und sachlich korrekt wiedergegeben werden und daher darf man nicht sagen, dass das Geschichtenerzählen in jedem Fall gut oder schlecht ist. Die Sache ist von den erwähnten Faktoren abhängig, unbedingt aber, ob man fundiertes Wissen besitzt und gleichzeitig wahrhaftig bleibt.

Und mein abschließendes Bittgebet ist:

‘Al-Ḥamdu lillāhī Rabb-ilʿālamīn’

Die ausführliche Fatwa findet sich hier: https://islamqa.info/ar/73003

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